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9 Mrz

Eine review – hält das F Mag, was es verspricht?

F Mag

Brigitte bekommt eine kleine Schwester. Das F Mag. F wie Feminismus. Können die das? Oder ist das wie Ikea und H&M, die neben ihrem billig produziertem Konsumramsch plötzlich in Form von Alibi-Line-Extensions ihre nachhaltige Ader entdecken? Kann ein neues Familienmitglied sich vom Dauerbrenner Brigitte-Diät und vom ewig gleichen Mode-Schminke-Kochrezepte-Kanon lösen?

Fangen wir von vorne an. Wie das Heft den Weg zu mir aufs Sofa fand, das ist nämlich schon eine kleine Geschichte wert.

Guter Dinge betrat ich den Zeitschriftenladen meines Vertrauens in einem beschaulichen Vorort von Wiesbaden – und fragte nach dem neu erschienenen F Mag. Sagte der Inhabern spontan: Nichts. Nicht weiter schlimm, ein paar Smartphone-Klicks später halte ich ihr ein Bild des Covers entgegen. Wiedererkennendes Augenaufflackern. „Ahhh, das liegt hinten auf dem Stapel der Retouren. Hab ich heute morgen ausgepackt und gedacht: Politik, Sex & Lametta? Sowas liest hier doch keiner!“

Somit wäre die Existenzberechtigung des Magazins für mich schon mal abgenickt. Braucht die Welt offenbar noch ziemlich dringend, so ein feministisches Magazin für Frauen. Fragte bei der Gelegenheit übrigens auch nach dem Missy Magazin. Missy what? Egal erstmal. Das frisch aus dem Retoure-Haufen gefischte Magazin machte es sich mit mir am Mittwochabend auf dem Sofa gemütlich.

F Mag

Heult nicht, macht doch! Ruft uns das F Mag zu – gut so!

Ich gestehe – ich hatte vorher gespickt. Die Rezensionen im Netz waren eher durchwachsen. Allerdings muss man auch sagen, dass sämtliche Literaturkritiker*innen und Feuilletonist*innen dieser Welt sich in der Hauptsache am liebsten kritisierend äußern. Verkauft sich einfach besser, die Nörgelei. Eine ordentliche Kritiker*in muss kritisieren, ich glaube, das gehört zum Berufsethos. Ich nörgele in diesem Artikel auch ein kleines bißchen. Aber auf insgesamt recht hohem Niveau.

Denn ich habe mir vorgenommen – wenn es mir gefällt, dann sage ich es auch. Und: Ich finde es gut. Das mal ganz vorweg. Ja, ein paar kleine Verbesserungsvorschläge habe ich auch, aber alles in allem fühle ich mich von den 154 Seiten rund zwei Stunden lang bestens unterhalten. So gut, dass ich vergesse, den Themenabend zum Weltfrauentag auf arte einzuschalten. Muss man auch erstmal schaffen, also an dieser Stelle ein echtes Lob an die Redaktion.

Die Frauenzeitschriften, die ich mir als Teenager und junge Frau (und wir reden hier von exzessivem Konsum!) zu Gemüte führte und die mir eine Menge Leid, Komplexe und Fehlkäufe bescherten, kann ich ja heutzutage kaum noch sehen. Mich juckt es vorm Zeitschriftenregal regelmässig in den Fingern, diese ganzen Schundblätter einfach abzufackeln. Oft verliere ich auch den Glauben an die Frauen, die für deren gute Absatzzahlen sorgen. Meistens passiert beides.

Erster angenehmer Unterschied des F-Mags zu den üblichen Verdächtigen: Kleiner Werbeanteil, der ganz ohne Cellulitecremes und Waschmittel auskommt. Yeah. Im Editorial erzählen uns die sechs Macherinnen, dass sie gerne masturbieren und ich nehme es wohlwollend zur Kenntnis. Man kann das gewollt provokant finden und vielleicht ist es das auch, aber das ist mir reichlich egal – denn im Alltag von Frauen haben Dinge wie Selbstbefriedigung, Blähungen, Tamponwechsel, Stuhlgang und Unterwerfungsfantasien Raum. Und auch Charlotte Roche konnte bisher wenig daran ändern, dass darüber kaum geredet wird, ohne rot zu werden. Daumen hoch also für das „no tabus“-Motto der F Maggies, wie sie sich selbst nennen.

F Mag

Layout und Botschaft sind laut – muss auch so, finde ich.

Nach dem vielversprechenden Inhaltsverzeichnis empfängt mich das Magazin mit dem allerersten Satz „Es gibt keinen Begriff für die Art, wie ich mich anziehe“, links flankiert von Werbung für Naturkosmetika. Leicht ungutes Déjà-Vu, ich blättere schnell weiter. „Warum sollten wir heute noch heiraten“, fragt das Magazin Berliner*innen auf der Straße und ich seufze innerlich auf – Nein, Nein, Nein, das geht doch hier in die falsche Richtung. Geht da nicht noch mehr? Ja, da geht noch mehr!

Der Politik-Teil des Magazins eröffnet mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für mehr gesellschaftlich-politische Beteiligung, gespickt mit zahlreichen Anlaufstellen und Vorbild-Projekten. Lese ich gerne, finde ich durchaus inspirierend.

Der folgenden Reportage über junge Bundestagsabgeordnete wird in den Netzkritiken vorgeworfen, wenig innovativ zu sein. Vergleichbares hätte man schon mannigfach gelesen. Mag wohl sein, die Frage sei aber berechtigt, ob nicht 99% von dem, was da jede Woche im Zeitschriftenregal als Neuigkeiten beworben wird, nicht schon mal irgendwo von irgendwem gesagt worden ist. Es ist ja vielmehr entscheidend: Wie wird es gesagt, von wem und in welchem Kontext? Ein fetter Politikteil in einem Frauenmagazin ist und bleibt ein Novum. Dass die F Maggies gleich noch die Weltrevolution und eine neue Politik erfinden, erwarte ich nicht.

Kommen wir jetzt zu der Stelle, an der das Magazin mich final überzeugen konnte – und warum: Die Reportage über die Staatsanwältin und Richterin Kym Worthy, die sich 11341 nicht aufgeklärter Vergewaltigungsfälle annimmt, fesselt mich. Intensiv und aufrüttelnd. Danke an die Redaktion, dass der Artikel eine Länge aufweist, die dem Thema gebührt. Denn allzuoft wird in Frauenmagazinen über zwei Seiten harmlos elegant auf der Oberfläche herumgesurft, weil man eine größere Menge an Text Leserinnen und Anzeigenkund*innen wohl nicht zumuten will. Hier fühle ich mich das erste Mal seit langem als denkendes Wesen von einer Redaktion ernst genommen. BITTE. MEHR. DAVON.

F Mag

Ja, Frauen lesen auch mehr als mundgerechte Häppchen, eingekeilt zwischen Werbebullshit.

Die Kritik im Netz, dass das Magazin in der Politik Rubrik insgesamt zu wenig eigene Stellung bezieht und noch ein bißchen farblos bleibt, teile ich in Teilen 😉 Ja, bei den 31 Fragen an den Feminismus sammelt man lieber Zitate, als selbst Position zu beziehen. Aber ich glaube, da ist noch Luft nach oben – traue ich dem Redaktionsteam ohne weiteres zu.

Mit „Liebe, Körper und Psychologie“ geht es in der Rubrik „Sex“ dann auch nicht bloß um das Eine, aber wenn, dann ohne Maulkorb. Nachschlag ordere ich bei der Einleitung, eine schon poetischen Hommage an die Ohrläppchen. Ungewohnte Perspektiven, Liebe zum Detail, sehr kurzweilig und frisch. Nebenan wird die Frage verhandelt, ob ein Marathon oder eine Geburt mehr Kalorien verbrennen – die vergesse ich jetzt einfach mal ganz schnell.

Dass politisch unkorrekte Sexfantasien total korrekt sind, kann man nicht oft genug sagen, das F Mag tut es auf acht Seiten. Kommt in diesem Kontext doch auch irgendwie glaubwürdiger, als in den Frauenmagazinen, die auf der nächsten Seite Tipps geben, wie wir ihn im Bett garantiert glücklich machen. Weibliche Lust als selbstbewusste Alleinunterhalterin – I like that! Auch die anschließende Porno-Rezension von einem Erika Lust-Film bekommt von mir zwei Daumen hoch. Das passt.

F Mag

Dass Feminismus für Frauen ist und nicht gegen Männer, das ist eine Sache, die sich noch nicht so weit rumgesprochen hat. Danke, dass im Heft mit dem Artikel über die Ohnmacht von Vätern, deren Partnerinnen abgetrieben haben, deutlich gemacht wird, dass Feminismus bedeutet, keine Scheuklappen aufzusetzen, denn sonst wäre der Feminismus ja wie das Patriarchat, nur andersrum. Im Beitrag über Narben sind ebenfalls nicht nur Frauenkörper zu sehen, dafür von mir ein weiteres dickes Plus. Es geht ums Nebeneinander und nicht um Substitution.

Den Psycho-Test „welche Dating-Seite“ passt zu mir, könnte man dagegen von mir aus getrost in die Tonne kloppen. Aber wie gesagt, ich bin durchaus und gerne bereit, diese kleinen, in meinen Augen etwas überflüssigen, Ausreißer zu überblättern.

Die Forderung an die Wissenschaft, die Themen Zyklus, Hormone und Menstruation nicht mit einer Abhandlung im Biologiebuch 9. Klasse abzufrühstücken, sondern mit Sorgfalt zu forschen und zu studieren kann ich nur kräftig nickend unterschreiben und hochgradig entzückt bin ich von der Doppelseite, die eine Arbeit von jungen, zeitgenössischen Künstlerinnen abbildet. Als Mitbegründerin des Netzwerks DIE SALONS, das Frauen aus Kunst, Philosophie, Musik und Literatur zusammenbringt, kann es für mich davon gar nicht genug geben. Nicht nur drüber reden, sondern eben auch zeigen, wers bereits lebt und macht.

F Mag

Werbung für Wäsche mit Bildern von echten Menschen. Angenehmes fürs Auge.

Ja und dann kommt die Rubrik Lametta (Mode, Kultur, Genuss). Ich gestehe – alles, außer den Kulturteil habe ich nur sehr oberflächlich gelesen. Ich persönlich brauch das einfach nicht. Kann aber auch an meiner Vergangenheit als ehemalige Frauenzeitschriftextremkonsumentin liegen. Ich hab vermutlich eine Überdosis auf Lebzeiten. Schminktipps von Drag-Queens, Mode, die beim An- und Ausziehen bestimmt nicht wehtut und abquetscht – ja, wenn schon überhaupt all das, dann bitte so. Das geht in Ordnung. Wie gesagt, für mich einfach nicht notwendig, aber ich weiß auch, dass man die Feministinnen von morgen mit sowas vermutlich noch anfüttern muss. Leicht verdauliche Beikost.

Trotzdem bleibe ich dabei – ein Frauenmagazin, GANZ ohne Rezepte, Mode und Make-Up? Ich fände es so geil, ich würde damit mein Wohnzimmer tapezieren.

Fazit: Sie sind manchmal ein bißchen auf die Zwölf, die F Maggies. Eine Idee zu laut, zu gewollt kantig, an anderer Stelle zu brav. Ich verzeihe ihnen beides. Ich will mehr davon. Das Zeitschriftenregal braucht sie dringend.

8 Comments
  • Lydia

    „…ein Frauenmagazin, GANZ ohne Rezepte, Mode und Make-Up? Ich fände es so geil…“ *unterschreib* Ich dachte immer, ich bin die einzige, die die Modestrecken gähnend überblättert. 😀 Obwohl ich ja mit diesem „Wir müssen jetzt unbedingt über Menstruation reden“ gar nichts anfangen kann. Warum? Manche Dinge sollten privat bleiben. Wer will, kann doch mit bei der Ärztin drüber reden. Oder mit Freundinnen. Mir scheint das so ein aufgesetzter Exhibitionismus zu sein, der aus den USA kommt: Seht her, meine Schwangerschaftsstreifen! Seht her, ich hab nur ein Bein! Seht her, meine Fettschürze! Seht her, mein Tampon! Alles muss in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden. Ich hab da echt so gar keinen Redebedarf, will nichts drüber lesen und mir auch keine Fotos von durchgebluteten Hosen (alles schon gesehen!) anschauen. Missy ist mir in diesem Punkt (obwohl sonst gut gemacht) streckenweise auch zu eklig. Vielleicht bin ich da old school.

    März 9, 2017 at 8:51 am Antworten
      • Lydia

        😀 OK, vielleicht ist der feministische Exhibitionismus ja eine Überreaktion und es pendelt sich dann irgendwo in der Mitte ein. Mir macht’s halt keinen Spaß, so etwas zu lesen. (Übrigens gab’s mal einen jungen Mann in den USA, der sich Enthaarungscreme in eine delikate Körperregion geschmiert hatte und dann minutenlang schreiend und stöhnend durch die Wohnung lief. Das musste natürlich gefilmt und ins Internet gestellt werden. Männer sind also auch exhibitionistisch. Oder die Mutter, die ihren krebskranken Sohn in Unterhose vorm Klo gefilmt hat. Wie findet der das eigentlich?) Mir ist schon bewusst, dass ich für Dich wahrscheinlich wie meine eigene Oma klinge, aber ist Privatheit vielleicht auch ein Wert? Nur, weil es etwas gibt, muss es ans Licht gezerrt werden? Es gibt einige Dinge, die ich im Netz gesehen und gelesen habe, die ich lieber nicht gewusst hätte. Ich finde auch nicht, dass Frauen nur als in Unterhose durch die Wohnung hüpfende Tussis dargestellt werden sollten – wie in diesen Werbespots. Aber furzende, kackende, menstruierende Fettschürzenträgerinnen sind doch nicht die Alternative? 😛

        März 9, 2017 at 2:31 pm Antworten
          • Lydia

            Hihi, ach, wer will schon immer Realität. 😛 War das jetzt eine Einladung auf nen Kaffee? Ich warne Dich, im RL bin ich total langweilig. 🙂 Aber sehr gerne.

            März 13, 2017 at 11:38 am
  • Michi

    Meine Liebe Kea, kannst Du bitte Deine folgenden beiden Sätze in deine Poster/Kollektion aufnehmen, oder noch besser: Sämtliche Billboards in den Städten damit tapezieren?!

    „Feminismus bedeutet, keine Scheuklappen aufzusetzen, denn sonst wäre der Feminismus ja wie das Patriarchat, nur andersrum. Es geht ums Nebeneinander und nicht um Substitution.“

    Danke alleine für diesen beiden Sätze!

    März 9, 2017 at 2:31 pm Antworten

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