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27 Feb

Vom Mut zur Trauer

Trauer

Meistens, wenn ich Artikel über female empowerment lese, geht es darin um Wachstum, darum, sich größer zu machen, um’s Unerschrockensein. Wie die Amazonen stehen sie da, die Heldinnen dieser Beiträge und recken die Hände nach Erfolg, Glück und Selbstverwirklichung.

Alles wichtig, keine Frage. Aber Mut, das kann auch etwas ganz anderes bedeuten. Etwas, das wir Frauen im Laufe der Jahrhunderte durch unsere Sozialisierung eingeschärft bekamen, etwas, das uns als beziehungsorientierte Menschen entlarvt, deren Wirkungskreis sich lange Zeit auf den häuslichen Rahmen beschränken musste – wir haben einen Draht zu unseren Gefühlen. Und zu denen unserer Mitmenschen. Wir wissen um die Verletzlichkeit des menschlichen Herzens und schämen uns weniger, Gefühle zu haben und zu zeigen. Meistens.

Denn wenn es um Trauer geht, dann stecken auch wir meistens in diesem westlichen Denkmodell fest, das besagt, dass der Tod dem Leben entgegen steht. Sich diesem Unaussprechlichen zuzuwenden, das Tabu zu brechen und die Themen Sterben, Tod und Trauer ins Leben zu integrieren, dazu gehört Mut.

Eine Frau, die diesen Mut zur Verletzlichkeit beweist, ist Silke. Nach dem plötzlichen Verlust ihres Lebensgefährten setzte sie sich intensiv mit dem Thema Trauer auseinander und rief 2016 ihren Blog „In lauter Trauer“ ins Leben – als digitale Begegnungsstätte, als Gegenentwurf zu all den „In stiller Trauer“-Beileidskarten, als Ort für den lebendigen Austausch über ein Gefühl, das die Gesellschaft meistens heimlich und mit betretenem Blick unter den Teppich kehrt.

Ihrem Aufruf, am 27.02.2017 – es wäre der 33. Geburtstag ihres verstorbenen Lebenspartners – über Trauer zu bloggen, bin nicht nur ich gefolgt – über 70 TeilnehmerInnen schreiben zu diesem Thema, die Übersicht aller Artikel findet ihr hier. Ich danke Silke von Herzen dafür, dass sie diesem wichtigen Gefühl einen Raum gibt und bin mit thirtyplus gerne dabei.

Wenn ich mich in den Weiten des Netztes so umschaue, dann ist es doch so: Rund um die Uhr beschallt uns das Internet mit Friede, Freude, Eiweißshakes und das gesunde, das glückliche und sonnengetränkte Leben erscheint uns als das einzig erstrebenswerte Ziel fürs Navigationssystem. Der heilige Gral des happily ever after.

Aber das ist nicht das Leben. Das Leben ist die ganze Palette – nicht bloß die Pastelltöne. Auch rauchgrau und aschfahl gehört dazu und wollen gesehen werden. Und gefühlt.

Ich hatte in meinem Leben lange Zeit nur wenig Berührungspunkte mit dem Tod. Von der Beerdigung meiner Großeltern hielt man „die Kinder“ fern. Trauer und Verlust, das wollte man den jungen Seelen nicht zumuten, obwohl mich manchmal das Gefühl beschleicht, dass Kinder das viel besser verkraften, als mancher Erwachsene. Was mich an etwas erinnert, das ich neulich in einem Webinar hörte: Kinder sind weitaus weniger ernsthaft krank, als Erwachsene, weil sie sich ihre Gefühle nicht abklemmen. Wenn ein Kind wütend ist, schreit es. Wenn es unsicher ist, kuschelt es sich in Mamas Arm. Und wenn es traurig ist, dann weint es und zwar genau so viel und so lange, bis es besser ist.

Wir größeren Leute hingegen, wir geißeln uns selbst, verpassen unserer Wut Maulkörbe und unsere Enttäuschung spülen wir mit allerlei Flüssigkeiten die Kehle hinab. Weil wir verlernt haben, dass es in Ordnung ist, das zuzulassen, was in uns ist. Und weil wir gelernt haben, zu verdrängen, dass alles, alles, alles in diesem Universum aus zwei Polen besteht – und dass Leben und Tod zwei Seiten eines Amuletts sind, das wir in den Händen halten.

Als ich das erste Mal auf einer Beerdigung war, fiel sie auf meinen eigenen Geburtstag. Mir hat die Traurigkeit an diesem Tag fast den Boden unter den Füßen weggezogen. Auf dem Weg von der Trauerhalle zum Grab habe ich für einen kurzen Moment gedacht, dass ich das nicht durchstehe. Meine Knie drohten, nachzugeben. So viel Gefühl, das uns auf diesem schweren Weg begleitete. So viele Tränen, so viele Worte, die fehlten. Mit einem Mal standen da die Erwachsenen und waren so hilflos ihrem eigenen Strom an Emotionen ausgesetzt, die sich jetzt so widerstandslos und roh ihren Weg bahnten. Es war ein tief empfundenes, gemeinsames Gefühl überwältigender Traurigkeit. Und auch wenn ich privat nah am Wasser gebaut bin und in vielen meiner liebsten Filme und Bücher das Thema Verlust eine Rolle spielt – die Realität traf mich wie in Vorschlaghammer. Ich wurde von der Wucht dieser Welle an Gefühl einfach überspült. Rang nach Luft, zwischen den Wellenkämmen und fühlte mich plötzlich so klein, hilf- und machtlos.

Der Tod und seine Endgültigkeit, seine schlichte Existenz, wir verdängen sie so oft. Weil die Auseinandersetzung damit schmerzlich ist und uns manchmal fast vollständig lähmen kann. Mir schien es plötzlich so schwer, dieses Leben, im Angesichts der absoluten Unberechenbarkeit, die uns eigentlich immer umgibt. Die Sicherheit, in der wir uns wiegen, die Selbstverständlichkeit, mit der wir einen nächsten Tag für uns und die, die wir lieben, annehmen – sie ist nur Trugbild, Illusion. Dieser Gang auf dem Friedhof machte sie für uns alle spürbar, wie eine riesige Wahrheit stand sie in unserer Mitte.

Ich hatte den Sinn von dem Zusammensein bei Kaffee und Kuchen, wie er bei vielen Bestattungen nach der offiziellen Zeremonie üblich ist, nie so ganz verstanden. Es erschien mir seltsam, unpassend, gequält. Aber an diesem Tag verstand ich, wie wichtig ist es, zusammenzusitzen, zu sprechen oder zu schweigen, zu lachen oder zu weinen. Wir saßen beieinander und gaben uns gegenseitig Halt, wir waren dem Tod begegnet, aber wir lebten. Und fast hatte ich das Gefühl, dass wir mit einem Mal noch viel wirklicher waren, jetzt, wo wir uns der uns umgebenden Unsicherheit bewusst waren. Sie saß mit uns am Tisch und vielleicht waren wir alle in diesem Moment, bevor uns der Alltag wieder verschluckte, echter und wahrhaftiger am Leben, als wir es sonst waren.

Denn da waren sie plötzlich alle da, die Farben des Lebens. Das helle Blau des nächsten Morgens, die Schwärze der Nacht, blassgrüne Erinnerungen und hier und da ein zarter Funken Hoffnung. Vielleicht ist das alles, was möglich ist, vielleicht ist das alles, was als Ziel überhaupt taugt: Nicht das fortwährende Glück, sondern das Nebeneinander-sein-dürfen von allem. Das wäre dann so etwas wie innerer Frieden, weil wir nichts mehr verstecken und vermeiden müssen, sondern die gesamte Klaviatur des Universums vor uns liegt und wir ihm lauschen, während es mal dieses, mal jenes Lied für uns spielt.

5 Comments
  • Lea

    Liebe Kea, ich bin mal wieder überwältigt über deine Offenheit und Mut. Auch ich habe darüber nachgedacht, dass wir eigentlich ständig etwas vermeiden wollen und es irgendwann gar nicht mehr merken dass wir vor lauter Vermeidungen aus dem natürlichen Rhythmus rausfallen…und am Ende sogar das Glück dadurch weniger erfahren. Heute noch strebt es mich immer noch täglich danach, nur glücklich sein zu wollen, andererseits merke ich auch, dass da die ganzen negativen Gefühle auch ebenso hinausgelassen und gefühlt werden wollen und ich wende mich ihnen nach und nach mehr zu, ist nicht einfach. Bis heute habe ich keine wirkliche Antwort drauf, was genau das alles bedeutet, ob es unsere Lebensaufgabe ist, das Glück zu finden oder eher zu erkennen dass das Glück längst vor unserer Nase steht und wir es nur nicht merken, weil der Nebel aller unterdrückten Gefühle davor steht. Oder ob das schlicht einfach DAS Leben ist, dieses Existenz beider Pole und es am besten täte, auf ihnen wie auf Wellen zu reiten. Vielleicht ist es auch okay, im Moment (noch?) keine Antwort drauf zu haben und den ganzen Prozess weiter zu beobachten? Auf jeden Fall sehr interessant das alles und ich finde es auch gut, sich offen über die Trauer und den Tod auszutauschen. Ich lese sehr gerne deine Artikel, liebe Kea. Ganz liebe Grüße sendet dir Lea

    März 2, 2017 at 10:26 pm Antworten
  • Paleica

    ein wunderbarer text zu diesem schweren thema, dem man im leben oft mehr raum geben sollte. vor allem die thematik der umgangs mit gefühlen zwischen kindern und erwachsenen ist sehr sehr wahr.

    März 7, 2017 at 7:44 am Antworten

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