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11 Mrz

Warum mich Schönwetterfeminismus wütend macht

Ich wollte keine bissigen Artikel mehr schreiben. Ganz fest hatte ich mir das vorgenommen. Ich wollte es bei einem positiven, bestärkendem Tonfall belassen, weil ich müde war. Müde der Diskussionen mit Frauen, die mir erklären wollten, dass sie sich vom Feminismus bestimmt nicht ihren Lippenstift abschwatzen lassen würden – was niemand verlangt hat. So unendlich müde davon, Frauenrechte gegenüber Frauen verteidigen zu müssen. Aber heute bin ich wütend. Und es muss raus. Feminismus ist nicht bequem, auch für mich nicht und vermutlich werde ich auch für diesen Artikel wieder hübsche Breitseiten kassieren. Das ist okay. Das muss ich aushalten. Das Ziel ist es mir einfach wert.

Den Stein ins Rollen brachte diese Grafik, die ich auf Facebook postete, gesäumt von den Worten, dass für nicht wenige Frauen Klatschmagazine das Fenster zur Welt sind und dass dieser Umstand gravierende Folgen haben kann. (An dieser Stelle möchte ich nicht auf den Diskurs eingehen, wieviele Frauen genau „nicht wenige“ sind. Nicht repräsentative Studien von ARD/ZDF geben aber erste Hinweise darauf, die meinen persönlichen Eindruck bestärken, nämlich, dass bedeutend mehr Frauen als Männer keine Nachrichten konsumieren, sondern sich eher den seichten Unterhaltungsmedien zuwenden.)

Quellen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/islamischer-staat-amal-clooney-fordert-uno-ermittlungen-wegen-verbrechen-an-jesiden-a-1138133.html https://www.promiflash.de/news/2017/03/10/da-ist-der-babybauch-neue-schwanger-pics-von-amal-clooney.html

Diese Gegenüberstellung der Berichterstattung löste Diskussionen aus. Mir ging es bei meinem Posting in erster Linie um die selektive Wahrnehmung der Klatschpresse, die Frauen auf die üblichen Themen reduziert: Mode, Kinder, Ehe. Auch die Wortwahl von Promiflash, die von der „spazierenden“ Amal spricht, stieß mir übel auf. Es schreibt auch niemand davon, wie Sigmar Gabriel zum Gipfeltreffen getänzelt ist. Dieses Verb ist für mein Empfinden im Kontext eines Auftrittes als Menschenrechtsanwältin einfach deplatziert. Die Wortwahl konterkariert das Anliegen von Frau Clooney und reduziert ihre Bedeutsamkeit auf die Wahl ihrer Klamotte.

Das klingt kleinkariert? Ist es aber nicht, das zeigt das Gegenbeispiel deutlich. Die facebook-Seite der Tagesschau sorgte anlässlich eines Zusammentreffens von Amal Clooney mit Angela Merkel mit einer Bildunterschrift für Furore. Obwohl zutreffend, denn die schauspielerische Leistung ihres Ehegatten spielte in diesem Kontext wirklich keine Rolle, waren diese wenigen Worte Anlass für zahlreiche Kommentare und Diskussionen. Sprache ist eben nicht egal.

Quelle: http://www.testspiel.de/bildunterschrift-des-tages-clooney-kam-in-begleitung-ihres-mannes-einem-schauspieler/311303/

 

Und ich war doch, gelinde gesagt, nach meinem Posting erstaunt darüber, dass sich einige Frauen bemüßigt fühlten, die Klatschpresse zu verteidigen. Argument Nummer Eins:

„Ich brauche die Klatschpresse, um abzuschalten.“

Ja, als ob es sonst nichts gäbe. Als ob es eine lästige, aber unüberwindliche Notwendigkeit wäre, dem burnoutgefährdeten Gehirn hin und wieder Jennifer Lopez‘ Cellulite in Großaufnahme vorzusetzen.

Mir fehlt einfach das Verständnis dafür, wie man einerseits für die Gleichberechtigung kämpfen und dann diese Blätter voller Hohn und Spott mitfinanzieren kann und für deren bärenstarke Auflagen sorgt.

„Aber die Herabwürdigung von Frauen fängt doch schon viel früher an, daran sind doch nicht die Magazine Schuld.“

Ja. Ja natürlich fängt das alles viel früher an, in der Familie, mit den Prinzessinnenfiguren der Kinderbücher, mit den Erwartungen und Vorstellungen unserer Großmütter und deren Großmüttern und immer so weiter.

NATÜRLICH ist das Rollenbild der Frau jahrhundertealt – aber die Yellow Press zementiert es. Und die Käuferinnen und Leserinnen der Yellow Press zementieren es. Sie machen die Spurrille dieser gedanklichen Autobahn mit jeder Seite tiefer und tiefer und tiefer. So dass es sehr viel mühsamer sein wird, all diese Vorstellungen wieder aus unseren Köpfen zu kratzen, als eine drei Jahre eingetrocknete Lasagneschale wieder freizuspülen.

Feminismus nervt – weil er anstrengend ist. Das erzählt Sarah Bosetti in diesem großartigen Podcast in starker und wahrhaftiger Weise.

Feminismus ist eben nicht sexy und so leicht über den eigenen Alltag zu streifen wie ein Sweater mit nettem Empowerment Aufdruck. Es ist anstrengend, nach der Arbeit das Hirn ausschalten zu wollen und dabei nach Alternativen zu Gala und Co suchen zu müssen. Und es ist so verführerisch, beim Durchzappen auf der Couch bei GNTM hängen zu bleiben. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, habe ich doch früher selbst exzessiv die Frauenmagazine dieser Welt konsumiert und deren Inhalte bis zur fast vollständigen Gehirnwäsche inhaliert.

Zum Glück habe ich den Absprung geschafft. Kalter Entzug. Das Gefühl, am Badetag im Schwimmbad würde neben Handtuch und Sonnencreme jetzt etwas fehlen. Die gute Nachricht: Man kann diese Dinge ersetzen. Mit Büchern zum Beispiel. Oder Magazinen wie dem neuen F Mag, das ich kürzlich auf thirtyplus rezensiert habe und von dem ich eindringlich hoffe, dass es ein Wiedersehen in Form einer zweiten Ausgabe geben wird. Etwas Neues zu probieren ist nach kurzer Eingewöhnungsphase irgendwann einfach ganz normal, wie Mandelmilch und Menstruationstassen. Man muss einfach mal anfangen.

Ja, Feminismus ist kein Ponyhof. Es zerrt an den Nerven, seine Texte auf gegenderte Sprache abzutasten, es ist anstrengend, sich nicht an Klatsch und Tratsch zu beteiligen – weil es immer anstrengend ist, alte Gewohnheiten zu überwinden. Ob ich aufhören will, zu rauchen oder ob endlich Schluss sein soll mit intouch & co – das Gehirn findet das erstmal Scheiße. Das ist unumgänglich.

Natürlich ist auch meine Definition von Feminismus, dass wir alle die freie Wahl haben. Aber, es tut mir leid, wenn jemand morgens laut brüllt, dass Frauenrechte total wichtig sind und abends dann mit der Gala im Bett liegt und sich genüsslich die Nachricht über den Zickenkrieg beim Bachelor reinzieht, dann bin ich, sagen wir, zumindest irritiert.

Denn wenn es mir ernst ist, die Sache mit der Gleichberechtigung, mit dem Respekt für und vor Frauen, dann muss mir das doch dieses Opfer schon wert sein. Dann darf ich kreativ werden und mir überlegen, bei welchen Tätigkeiten ich noch entspannen kann. Tätigkeiten, die keine Geschlechterklischees am Fließband reproduzieren und Frauen dazu verdammen wollen, ewig schlank, jung und sexy zu sein. Die uns, wenn wir es nicht sind, die Anzeigen ihrer Werbekund*innen auf den Hals hetzen, die uns unsere vermeintlichen Makel über Nacht wegzaubern. Die jedes Gramm zu viel oder zu wenig gnadenlos ins Licht der Öffentlichkeit zerren.

Für diese Magazine sind Frauen eine kaufkräftige Zielgruppe und sonst nichts. Und wir Frauen haben die freie Wahl, den Macher*innen zu zeigen, dass wir das als Agenda für uns nicht mehr akzeptieren. Aus Solidarität. Aus Vernunft. Aus freiem Willen und Ernsthaftigkeit.

Ja, Feminismus darf ein bißchen weh tun. Wer es nicht einmal bis zur Auswahl seiner Zeitschriften schafft, der sollte doch noch mal drüber nachdenken, ob er wirklich bereit ist, etwas zu verändern oder ob bei dieser wenig progressiven Art von Schönwetterfeminismus schon Schluss ist.

13 Comments
  • Maike

    Danke für diesen Artikel – und bitte, schreib weiter bissige Artikel! Mir ist gestern durch die Diskussion einiges für mich selber klarer geworden und ich werde es nie verstehen, warum wir Frauen uns immer wieder, sei es durch Klatschpresse, stutenbissiges Verhalten oder andere Dinge dieser Art, gegenseitig in den Rücken fallen anstatt uns zu unterstützen und dafür zu Sorgen, dass Gleichberechtigung mehr als nur ein kaltes Wort bleibt.
    Klar, keiner von uns kann spontan aus seiner Rolle schlüpfen und Veränderungen machen Angst, aber alles hinzunehmen und das Diskriminierende noch schön zu reden, das widerstrebt mir doch einfach zu sehr, um nicht zu versuchen, Veränderungen anzustoßen. Ich habe mich eigentlich nie als Feministin bezeichnet, aber mittlerweile ist es ein Lebensgefühl, das mit jedem Jahr stärker wird. Und das ist auch gut so!

    März 11, 2017 at 3:28 pm Antworten
  • Christin

    Liebe Kea!
    Dein Blog ist toll und ich bin Stammgast geworden, aber dieser Beitrag, der topt das ja total Du hast das Thema lebendig und kämpferisch durchweg auf den Punkt gebracht. Ich denke, dass vielen Frauen schon früh ihr ureigenstes und gesellschaftlich wichtiges Selbstvertrauen gestohlen wurde. Und dass, wie du super demonstrierst, einfach riesige Industriezweige sich alle umsatzstark daran bereichern. Somit ist es furchtbar schwer, dass die Frauen sich nicht untereinander als knallharte Konkurrenz betrachten. Ich duchschau das immer mehr und du bist mir dabei mit deinem Blog eine immense Hilfe. Liebe Grüße

    März 13, 2017 at 12:06 am Antworten
  • Fräulein Freud

    das unterschreibe ich. notfalls mit blut. ich habe glaube ich mit 16 oder 17 aufgehört, irgendwelche bunten magazine zu lesen, einfach, weil es mich wirklich nicht interessiert, welcher promi denn nun ein paar kilo zugenommen hat, wer magersüchtig ist und wer wen betrogen hat. erst letzte woche hatte ich einen ziemlichen frust-anfall, am 8. märz ist frauentag und alle sprechen über alle möglichen wichtigen themen und am 9. märz stehe ich vor einer riesengroßen plakatwand mit einem retuschiert mageren model, das mir sagt, wie ich denn nun endlich für meinen „beachbody“ abnehmen kann. schöne welt der scheinheiligkeit und doppelmoral.

    März 13, 2017 at 7:03 am Antworten
    • Christin

      Hallo! Genau! Sie finden es schön, so superschön, dass an ihnen herumgezerrt wird und sehen dabei keine Alternative. Denn die Medienlandschaft, die im Übrigen alle anderen Landschaften in unserer Welt so krass überstülpt, dominiert sie mit ihren ganzen vielen Kanälen. Selbstliebe, das Gegenstück zu diesem einfach nur noch krassen Selbstentfremdungswahn bleibt in der momentanen Zeit vielen Frauen ein Thema, mit denen sie sich nicht mehr identifizieren können und es somit kein Leichtes ist, sie wieder zu sich nach Hause zu holen.

      März 13, 2017 at 3:50 pm Antworten
  • Das Bücherregal

    Ich fange gerade erst an, mich mit Feminismus zu beschäftigen und mir gefällt dein Blogartikel wirklich, wirklich gut!
    Neulich habe ich ein Video gesehen in dem mal gezeigt wurde, wie wenige Kinderbücher anständige weibliche Rollenbilder vermitteln. Es war zum heulen!
    Auf jeden Fall werde ich dir weiter folgen und schauen, was sich noch in die Richtung bei dir (oder anderen Blogs- irgendwelche Empfehlungen?) finden lässt!

    März 13, 2017 at 2:48 pm Antworten
  • Jenni

    Liebe Kea,

    auch von mir: Bitte weiterhin auch bissige Artikel, die anecken! Bitte Authentizität und Meinung, klar positioniert und gerne auch laut in den Raum gebrüllt!
    Sowas brauchen wir – gerade zwischen dem eben so viel lauteren Diskurs um Make-Up, Kleidungsfragen und Rezepten (von denen ich mich ausdrücklich nicht vollends ausnehme – aber ich denke, es geht auch immer um die Priorisierung und die Perspektive auf die jeweiligen Themengebiete). Es ist unglaublich wertvoll, solche Artikel wie die deinen zu lesen und immer wieder vor Augen geführt zu bekommen, dass so viele Dinge eben auch heute noch nicht selbstverständlich sind – und auch ich bin eine glühende Verfechterin der These: Language matters. Und zwar immer. Jedes einzelne Wort, wenn wir so kleinlich sein wollen, gilt und ist wichtig, sagt so viel aus über uns selbst und darüber, wie wir die anderen sehen.
    Daher finde ich deine Gegenüberstellung der beiden Medien auch sehr gelungen (die Tagesschau hatte ich damals übrigens auch gefeiert aufgrund dieser Bildunterschrift) – und wünsche mir: Nicht leise werden! Nicht angepasst – bleib‘ gerne und unbedingt kontrovers (auch wenn ich mich frage, was an Feminismus kontrovers sein soll und schade finde, dass solche Themen immer noch derartige Wellen schlagen).

    Liebe Grüße
    Jenni

    März 14, 2017 at 2:44 pm Antworten
  • Daniela

    Liebe Kea, eigentlich fehlt nur noch der Satz, Amal Clooney, die Frau von Georg Clooney. Dieser Artikelvergleich spiegelt so deutlich unsere Gesellschaft, da zählt die Farbe des Kostüms, die Schwangerschaft und der Gang und nicht wofür diese Frau einsteht, wofür sie kämpft.
    Es gab früher eine Werbung, wo die Frau sagt, ich als Zahnarztfrau. Das hat mich schon als Kind aufgeregt. Genauso wie Grabsteine wo Eheleute Karl Mustermann draufsteht. Noch nicht mal da ist die Frau es wert Erwähnung zu finden.
    Wir brauchen mehr solcher Arzikel, die uns wachrütteln und zum nachdenken anregen. Ich mag deinen Blog sehr gerne.

    Und wir brauchen starke Kinder, egal ob Mädchen oder Jungen, die sich in ihrer Haut wohlfühlen und zu empathischen und tollen Menschen heranwachsen dürfen. Das ist mein großes Anliegen.

    Und ich liebe wie schon in meiner Kindheit Astrid Lindgren, ich finde sie hat literarische Heldinnen geschaffen. Davon müsste es einfach soviel mehr geben.

    Liebe Grüße, Dani

    März 14, 2017 at 5:03 pm Antworten
  • Susanne

    Liebe Kea,
    auch von mir ein großes JA zu deinem bissigen Artikel. Es ist nicht nur sehr amüsant zu lesen, sondern regt auch zum Nachdenken an. Ich selbst bin kein Fan von Klatschzeitschriften und Modezeitungen. Und bei “ ist nach kurzer Eingewöhnungsphase irgendwann einfach ganz normal, wie Mandelmilch und Menstruationstassen“ musste ich einfach lachen. Perfekt. 😉 Und genau wie Daniela musste ich an Astrid Lindgren denken.
    Ich wünsche mir auch, dass die Menschen mehr Interesse an Artikel wie die deinen haben. Ich habe immer irgendwie das Gefühl, dass ein Blog, der keine Produkte vorstellt, nicht so oft gelesen wird und das finde ich sehr schade.
    Alles Liebe und mach weiter so,
    Susanne

    März 29, 2017 at 7:02 pm Antworten

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